in Ephemera:

das "Kunstwerk der Woche"

 

Kunstwerk der Woche   2019-07-15

Erst sieht es bedrohlich aus. Rechts vom Baum (nicht zu sehen): sehr finster.

Dann kommt ein frischer Wind auf. Rechts vom Baum: wird es schon heller.

Daraus wird kein Gewitter mehr. Rechts vom Baum: lösen sich schon die Wolken auf.

 

Da fällt mir ein Gedicht von Franz Kießling ein.

Franz Kießling war ein Dichter, 1918 geboren, lebte in Wien. In unserem Studentenkreis wurde der "große alte Mann" (er war nicht älter als 47) sehr verehrt. Ich besitze einen Gedichtband von ihm, der 1955 herauskam und 6 Holzschnitte von Werner Berg enthält.

VON DEN GEWITTERN,

DIE VORHERGESAGT SIND

 

Seht, wie ihr lebt!

                        Ihr lebet hier auf Erden

fast alle so, als wären die Gewitter,

die da vorhergesagt sind, abzuwarten

und weiter nichts mehr. Keiner fragt:

Ist das nicht unsere Zeit, die da vergeht? -

 

Was aber dann, wenn die Gewitter,

die da vorhergesagt sind, gar nicht kommen? -

Wenn nur die Meldung kommt: der Wind

hat sich gedreht! - Was dann?

 

Dann stellt es sich heraus: es ist schon Unglück,

ein Unglück zu erwarten. Und die Zeit,

die euch vergangen ist in der Erwartung,

war eure beste Zeit.

 

Ihr fragt: "Ist unser Schicksal nicht entschieden?"

Es ist entschieden, doch ihr seid noch da!

Wie lange noch? - Wozu wollt ihr das wissen?

 

Solang der ärmste Baum am Straßenrand

die Blätter nach der Morgensonne dreht,

steht mehr für euch bereit als die Gewitter,

die da vorhergesagt sind...

 

 

 

 

Je älter ich werde, desto mehr bekenne ich mich zu flüchtiger Kunst, die keine oder keine erkennbaren Spuren hinterlässt.

Schon früh hätte ich gerne nur ungebrannte oder sehr, sehr niedrig gebrannte Keramik erzeugt, die rasch verwittert. Konventionelle Bedenken oder materielle Zwänge haben mir das selten erlaubt.

Jetzt bin ich so weit, dass mir manchmal Blicke als Kunstwerke ausreichen würden. Um mich damit mitzuteilen, müsste ich davon Fotos machen.

Vielleicht will ich das gar nicht?

Oder doch?